Mitmischen im Museum
Wie der Club Mitmischen Teilhabe ermöglicht und neue Projekte entstehen lässt

Der Club Mitmischen ist eine neue Plattform des Kunst Museum Winterthur, bei der sich Interessierte aktiv ins Museum einbringen können. Gemeinsam mit den Kunstvermittlerinnen Stefanie Bieri und Melanie Mock entwickeln die Teilnehmenden eigene Ideen und Projekte – offen, experimentell und auf Augenhöhe. Im Gespräch erzählen Stefanie und Melanie, weshalb es den Club gibt, wie ein Clubabend abläuft und was Teilhabe im Museum konkret bedeutet.

Liebe Stefanie, liebe Melanie, ganz kurz: was ist der Club Mitmischen und was macht ihr beide da?

Stefanie: Der Club Mitmischen ist eine Plattform für Erwachsene, die sich dafür interessieren, im Museum tätig zu werden. Es sind Menschen mit Ideen, die sie gemeinsam mit anderen umsetzen möchten. Wir Kunstvermittlerinnen bringen also nicht fertige Projekte in die Gruppe, sondern verstehen uns eher als Geburtshelferinnen – als Ermöglicherinnen und als Bindeglieder zum Museum.

Wie kam es zum Club?

Stefanie: Für mich ist ein wichtiger Grund, dass viele Menschen – gerade in der Stadt Winterthur – das Museum gar nicht kennen. Sie zahlen Steuern, finanzieren das Museum mit, haben aber keine Ahnung davon, was hier alles passiert. Das ist für mich ein starker Antrieb, Angebote zu schaffen, die das verändern.

Melanie: Mir geht es um Teilhabe. Hier im Museum wird ja Kulturerbe gesammelt – für alle. Unser Ziel ist es, eine breite Palette an Zugängen zu schaffen. Und dabei wollen wir noch einen Schritt weitergehen: nicht einfach ein Angebot entwickeln und die Menschen dazu einzuladen, sondern gemeinsam mit ihnen Gefässe und Formate entwickeln. Es ist eine Einladung: «Hey, es ist auch euer Museum. Was sind eure Fragen, was sind eure Bedürfnisse, die ihr einbringen möchtet?»

Wieso kommen denn manche Menschen nicht ins Museum?

Stefanie: Ein Punkt ist sicher der Preis; viele können sich den Eintritt nicht leisten. Dank dem Engagement im Club haben die Mitglieder freien Zugang zum Museum.

Melanie: Neben dem Geld spielt auch die Erscheinung der Institution eine wichtige Rolle: die dicken Säulen, die dicken Mauern, die schweren Türen. Das spüren die Menschen. Diese exklusive Aura schirmt ab. Manche schaffen es, sie zu durchschreiten, andere bleiben draussen und suchen sich andere Orte.

Wie läuft ein Clubabend konkret ab?

Melanie: Unterdessen hat sich eine gewisse Struktur ergeben. Wir beginnen meist mit der Frage: Was ist der Club eigentlich? Dann gibt es eine Vorstellungsrunde, weil sich viele nicht kennen – es kommen immer wieder neue Gäste dazu, neben den Stammgästen. Dieses «Check-in» oder «Warm up» bricht dann auch meist das Eis. Anschliessend ordnen wir die angefangenen Ideen: Was gibt es alles? Die Grüppchen stellen ihre Projekte selbst vor. Dann fragen wir: Woran möchten wir heute weiterdenken, worauf haben wir Lust? Manche bleiben bei ihrem Projekt, andere springen zwischen Projekten hin und her und schauen vorzu, was sie gerade interessiert. Und natürlich fragen wir auch immer wieder nach neuen Ideen.
Dann beginnt die eigentliche Projektarbeit. Stefanie und ich teilen uns auf, nutzen Hilfsmittel wie Brainstorming-Tools oder Checklisten. Am Schluss kommen wir wieder zusammen und teilen, was wir in den Grüppchen besprochen haben. Danach gibt es noch Infos zum Museum – Vernissagen, Termine – und oft essen und trinken wir noch etwas zusammen.

Stefanie: Der Clubabend geht bis 20 Uhr. Meist sind wir in unserem Clublokal an der Museumstrasse 54. Wenn der Clubabend aber auf einen Abend mit Abendöffnung fällt, sind wir im jeweiligen Museum: am Dienstag im Museum Beim Stadthaus, am Mittwoch in der Villa Flora und am Donnerstag im Reinhart am Stadtgarten.

Welche Projekte sind bereits aus diesem Club entstanden oder gerade am Entstehen?

Melanie: Ein erstes realisiertes Projekt war der Flashmob anlässlich der Finissage der Ausstellung von Virginia Overton: Ein Grüppchen beschäftigte sich davor schon länger mit Klang. Im Wissen, dass Virginia Overton solche Interventionen zulässt, hat sich da über mehrere Clubabende etwas entwickelt – etwas Lustvolles, Sinnliches, das bei der Durchführung rund 30 Besucher:innen zum Mitmachen animiert hat. Das war eine schöne erste Umsetzungserfahrung, die den beteiligten Clubmitgliedern sehr gut getan hat!

Ein weiteres Projekt, noch sehr offen, ist der «Hinterhof der Kunst». Eine Gruppe interessiert sich für das, was man sonst nicht sieht: Depots, Kunstwerke, die nicht gezeigt werden, die Mechanismen des Museums. Das Format ist noch in Erarbeitung  – vielleicht entstehen Gespräche mit Fachpersonen, vielleicht Veröffentlichungen. Das ist noch am Gären.

Stefanie: Wichtig ist: Es hat vieles Platz – von sehr konkreten Projekten bis hin zu diffusen Ideen, bei denen die Umsetzung noch offen ist.

Was lernt ihr selbst bei der Begleitung der Clubmitglieder, bei diesem ganzen Prozess?

Stefanie: Sehr viel. Wenn du das Thema «Prozesse» ansprichst: Ich stelle immer wieder fest, dass unser Arbeiten oft kein klares Ziel hat – oder dass sich das Ziel unterwegs verändert. Diese Offenheit ist manchmal schwer auszuhalten. Manchmal beginnt man wieder bei null. Einige Teilnehmende können damit gut umgehen, andere etwas weniger. Und trotzdem schaffen wir es immer wieder, uns anzunähern. Das lehrt mich Vertrauen – in die Menschen und in die Prozesse.

Melanie: Mich beeindruckt, wie vielfältig sich die Liebe zur Kunst zeigt. Die einen sind sehr sinnlich unterwegs, andere politisch-analytisch. Diese Vielfalt ist unglaublich. Die Vielfalt der Kunst ist damit auch durch die Vielfalt der Menschen abgebildet.

Stefanie: Ich hatte lange das Gefühl, Kunst sei etwas Schwieriges, das viele Menschen gar nicht interessiert. Aber das stimmt nicht. Es interessiert sie – tief sogar. Manchmal so sehr, dass es richtig Gänsehaut macht.

Zum Schluss ein Blick in die Zukunft: Welche Rolle soll der Club Mitmischen langfristig spielen?

Stefanie: Eine Frage, die uns immer wieder beschäftigt, ist: Wenn Clubmitglieder Dinge fürs Museum machen – was macht dann das Museum für sie? Diese Frage wird wichtiger werden. Ich hoffe, dass die Projekte des Clubs ein fester Bestandteil des Museumsangebots werden und dass das Museum im übertragenen Sinn «eingenäht» wird. Und natürlich hoffen wir, weiterhin finanzielle Unterstützung zu erhalten, um das Angebot sichtbarer und zugänglicher zu machen.

Melanie: Ich wünsche mir, dass das Museum die Mitmischer:innen als Critical Friends wahrnimmt – als Menschen, die sich interessieren, die man einbeziehen kann. Dass sich die Zusammenarbeit weiter verdichtet.

Stefanie: Ich finde, wir sind in den letzten zwei Jahren schon ziemlich weit gekommen. Wir sind gut unterwegs!