Otto Dix und der Krieg

Otto Dix
Sterbender Krieger, 1915
Öl auf Karton, 68.5 × 54.5 cm
Museum zu Allerheiligen Schaffhausen, Sturzenegger-Stiftung
© ProLitteris Zürich 2022

Kaum ein Künstler des 20. Jahrhunderts hat seine Kriegserfahrungen so unmittelbar, düster und beeindruckend in Bildern verarbeitet wie Otto Dix (1891–1969). Der Sterbende Krieger gehört dabei zu den Werken, die Dix noch während des Kriegs geschaffen hatte. In wilder, expressiver Malerei versuchte er, das Schreckliche aufs Bild zu bannen und wählt dabei das Motiv eines sich im Todeskampf befindlichen Sterbenden.

Dix versammelte hier alle Mittel moderner Malerei, die er bis dahin in seiner noch kurzen künstlerischen Laufbahn kennengelernt hatte: die Zerstückelung des Körpers und die Isolierung einzelner Körperteile, das Facettieren der Flächen sowie das Zusammenbringen von Bewegung, Simultaneität und Dynamik.

All dies hatte er in Dresden, wo er dank einem Stipendium an der Kunstgewerbeschule studieren konnte, sehen können. Es wurden dort Ausstellungen von wichtigen Vertretern der Moderne, wie Paul Gauguin und Vincent van Gogh, aber auch von Kubisten und Futuristen gezeigt. Insbesondere das Werk van Goghs hatte auf ihn damals einen grossen Einfluss. So sind auch in unserem Bild der deutlich sichtbare Pinselstrich und der pastose Auftrag der Farbe wichtige Ausdrucksmittel.

Otto Dix
Kleines Selbstbildnis, 1913
Öl auf Leinwand, 35 × 29 cm
Staatsgalerie Stuttgart
© ProLitteris Zürich 2022

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs meldete sich Dix freiwillig zum Dienst: Mehr als drei Jahre lang kämpfte er als Maschinengewehrschütze an vorderster Front und wurde mehrfach für seine Tapferkeit ausgezeichnet. Die Erfahrungen im Schützengraben haben sein Leben und sein Schaffen entscheidend geprägt.

 

«Der Krieg war eine scheussliche Sache, aber trotzdem etwas Gewaltiges, das durfte ich auf keinen Fall versäumen! Man muss den Menschen in diesem entfesselten Zustand gesehen haben, um etwas über den Menschen zu wissen.»

 

Dix sollte später als Vertreter der Neuen Sachlichkeit berühmt werden, ein Stil, der sich stark durch einen fast fotorealistischen Verismus auszeichnet – von diesem ist in Sterbender Krieger noch nichts zu spüren. Es wirkt, als hätten die aufrüttelnden Erfahrungen hier direkt und unmittelbar auf der Leinwand ausgedrückt werden müssen. Erst später, mit einiger Distanz, entstanden die im neusachlichen Stil gemalten Hauptwerke Der Schützengraben und Der Krieg.

Otto Dix
Der Krieg (Triptychon), 1929-1931
Mischtechnik auf Sperrholz; 204 × 468 cm
Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Galerie Neue Meister
© ProLitteris Zürich 2022

Mit dem heute verlorenen Gemälde Der Schützengraben hatte Dix den Durchbruch als anerkannter Künstler feiern können – und gleichzeitig einen viel diskutierten Skandal provoziert. Zu grausam, zu grässlich erschien vielen die Darstellung der Soldatenleichen. Von Heldenverehrung keine Spur. Dix wurde zum Enfant terrible der deutschen Kunstszene.

Während seines dreijährigen Aufenthalts an der Front sind neben zahlreichen Tagebuchnotizen auch Skizzen und Zeichnungen entstanden. Nach dem Krieg schuf er neben dem erwähnten Schützengraben auch Bilder von Kriegskrüppeln, sowie einen umfassenden graphischen Zyklus unter dem schlichten Titel Der Krieg, der 1924 erschien. Wie vor ihm Jacques Callot und insbesondere Goya, dessen Desastres de la Guerra immer wieder mit der Serie von Dix verglichen wurden, erschienen ihm das graphische Medium und die Ausarbeitung in mehreren, sehr unterschiedlichen Bildern, ein angemessener Umgang mit seinen Erfahrungen.

Otto Dix
Verwundeter (Herbst 1916, Bapaume) aus der Serie Krieg, 1924
Radierung, Aquatinta und Kaltnadel, 35 × 47 cm
© ProLitteris Zürich 2022

Otto Dix
Totentanz anno 17 (Höhe Toter Mann) aus der Serie Krieg, 1924
Radierung, Aquatinta und Kaltnadel, 35 × 47 cm
© ProLitteris Zürich 2022

Dabei nutzte der Künstler die korrosiven Eigenschaften von Radierung und Aquatinta, um das Gefühl des Verfalls zu verstärken. Viele Bilder zeigen denn nicht das Kämpfen und Schiessen selbst, sondern die verheerenden Nachwirkungen; zerbombte Landschaften, verwesende und tote Körper oder – wie es auch in unserem expressiven Gemälde der Fall ist – Sterbende.