„Die Ölstudienmaler lehren uns einen neuartigen Blick"
Die Co-Kuratoren Florian Illies und David Schmidhauser über ihre Ausstellung

Anonym
Terrasse auf der Insel Capri, o.J.
Fondation Custodia, Paris

 

Der Titel verbindet Sonne und Freiheit. Wofür stehen diese beiden Begriffe in der Ausstellung?

Florian Illies (FI): Für die Sehnsucht nach dem Licht des Südens. Und für die Befreiung der Malerei, von den Konventionen der Akademien, den Wünschen der Auftraggeber und den finanziellen Zwängen der Brotarbeit.

David Schmidhauser (DS): Zudem impliziert der Ruf nach Freiheit auch eine politische Note, denn die Schweiz wurde damals als ein Ort des Friedens wahrgenommen, wo die Menschen in Einklang mit der Natur leben. Und dass man sich unter der Sonne Italiens am Meer frei fühlen kann, ist auch heute noch bekannt.

 

Ein besonderer Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf der Schweiz. Welche Überraschungen erwarten das Publikum hier?

FI: Sehr viele. Es ist überhaupt das erste Mal, dass die Schweiz als Ölstudiennation sichtbar wird. Bislang gab es nur ein klares Bild von Deutschland, Frankreich und von einigen Malern aus Dänemark und Norwegen. Aber in dieser Ausstellung wird man erstmals sehen können, welch innovative Maler in der Schweiz zwischen 1780 bis 1830 in der Technik der Ölstudie aktiv waren.

DS: Genau. Wir zeigen viele Künstler, die bisher noch nicht wirklich auf dem Radar waren. Und zeigen dabei insbesondere, wie früh die Schweiz hier schon tätig war. Da gab es richtig innovative, ja wagemutige Künstler wie Caspar Wolf.

 

Im Ausstellungstext wird von der «Geburtsstunde der modernen Kunst» gesprochen. Was macht diese Epoche so revolutionär?

FI: Drei Dinge. Die Motive sind beiläufig, zufällig, eigentlich nicht bildwürdig. Zweitens: Die Malerei unter freiem Himmel, en plein air, die dann mit den Malern von Barbizon und dem Impressionismus endgültig populär wird. Und drittens: die Befreiung der Skizze aus ihrer Rolle als «Vorstudie» und ihre Würdigung als eigenständiges Kunstwerk.

DS: Der Titel will das auch andeuten: In dieser Zeit, mit diesem Medium wird die Malerei befreit, sie ist offen, frisch, wild, zart, subjektiv und spontan.

 

Über dreissig Werke werden erstmals ausgestellt. Welche Entdeckung hat Sie selbst am meisten überrascht?

DS: Die grössten Entdeckung war ein Buch in Privatbesitz, das eine grosse Sammlung an Ölstudien von Johann Ludwig Aberli enthält, einem bedeutenden Wegbereiter für die Schweizer Landschaftskunst. Von ihm waren bisher nur eine Handvoll Ölstudien bekannt. In dem Buch sind es fast hundert – eine wahre Entdeckung! Leider können wir in der Ausstellung nur eine Seite daraus zeigen. Diese macht aber Lust auf mehr, vielleicht der Anreger für ein Folgeprojekt?

FI: Für mich ist es die Malerei von Maximilien de Meuron aus Neuchâtel. Ölstudienmalerei par excellence, sehr frei und sehr genau zugleich.

Johann Ludwig Aberli
Aussicht von Erlach, um 1770–1780
Kunst Museum Winterthur

Maximilien de Meuron
Blick auf Rom, o. J
MahN Musée d’art et d’histoire de Neuchâtel, Neuenburg

Was wünschen Sie sich, dass das Publikum aus dem Ausstellungsbesuch mitnimmt?

FI: Im Idealfall schauen alle, die aus dem Museum gehen, danach mit anderen Augen auf die Natur, auf die Wolken über ihnen, auf die Bäume um sie herum und auf den rauschenden Bergbach. Die Ölstudienmaler lehren uns einen neuartigen Blick, der sich wieder zu erlernen lohnt: Mit Hingabe die Umgebung wahrnehmen. Und die umwerfende Schönheit dieser kleinen Landschaften, die werden sicher auch sehr viele Besucherinnen und Besucher auf lange in ihren Köpfen und Seelen mit sich tragen.

DS: Aus kunsthistorischer Sicht mag ich noch anschliessen, dass uns diese Ausstellung hoffentlich auch deutlich macht, wie Tradition in der modernen Malerei steckt und umgekehrt, wie modern die klassische Landschaftsmalerei sein kann.

 

Sie kommen aus unterschiedlichen beruflichen Welten. Wie ist diese Zusammenarbeit entstanden? 

FI: Seit langem tauschen wir uns aus, hatten intensive Zusammenarbeit bei Caspar David Friedrich und bei Félix Vallotton. Irgendwann wurde uns klar, dass die grosse Leidenschaft von David Schmidhauser den frühen Ölstudienmalern der Schweiz gilt und die von mir denen in Italien – und so entstand diese Ausstellungsidee. Und der Versuch, erstmals beides zusammen zu denken, und zusammen zu zeigen.

DS: In der Tat. Und man darf anschliessen, dass Florian Illies zu den führenden Kennern der Ölstudienkunst gehört, was hinter seinem Erfolg als Schriftsteller etwas verborgen bleibt.

 

Wie haben sich Ihre Perspektiven bei der Entwicklung von Zur Sonne! Zur Freiheit! ergänzt, und was wäre ohne den Blick des jeweils anderen vielleicht nicht Teil dieser Ausstellung geworden?

FI: Erst einmal, der Blick auf die Schweiz und der auf Italien sind so unterschiedlich, dass es aufregend ist, beides gleichzeitig in einem Raum zu erleben. Dann sind wir zwei unterschiedliche Temperamente. Und dann haben wir beide ganz unterschiedliche Biografien. Genau deshalb hat es besondere Freude gemacht, über die Auswahl der Bilder zu sprechen. Am Ende waren wir uns dann fast immer einig, und haben hoffentlich von beiden «Wegen der Freilichtmalerei» die schönsten Wegmarken ausfindig machen können auf unserem gemeinsamen Wanderweg.

DS: Genau so, der Austausch war ehrlich, anregend und fruchtbar. Und ja, wir waren uns am Ende des Tages bei den allermeisten Punkten, Bildern notabene, einig. Nur musste ich Florian manchmal bremsen, weil er bald zu viele schöne Werke aufgestöbert hat, die wir nicht alle zeigen konnten. Das war fast das Schwierigste!