«Die Kunst hat versucht, das Unsichtbare sichtbar zu machen»
Ein Gespräch mit Pfarrpersonen Stina Schwarzenbach und Jiří Dvořáček zur Führungsreihe «Kunst & Religion» im Kunst Museum Winterthur | Reinhart am Stadtgarten

Von links nach rechts: Stina Schwarzenbach und Jiří Dvořáček
Foto: Vanessa Taningco / Sammlung des Kunst Museums Winterthur
Anlässlich der ersten Ausgabe der Führungsreihe «Kunst & Religion» am Samstag, 24.10.2026 sprechen die beiden Pfarrpersonen Stina Schwarzenbach und Jiří Dvořáček der Reformierten Kirche Stadt Winterthur über die Wechselwirkung von Bildern und biblischen Texten, die reformierte Skepsis gegenüber Bildern und darüber, was sich aus theologischer Perspektive in der Sammlung des Kunst Museum Winterthur | Reinhart am Stadtgarten entdecken lässt.
Was fasziniert Sie persönlich an der Verbindung von Kunst und Religion? Was können Theologie und Kunstgeschichte gemeinsam, was einzeln so nicht möglich wäre?
Stina Schwarzenbach (SS): Was mich fasziniert, ist, dass Kunst schon immer versucht hat, Dinge auszudrücken, die sich nur schwer in Worte fassen lassen. Die Theologie versucht, etwas verbal verständlich zu machen, das eigentlich unsichtbar ist. Die Kunst wiederum hat versucht, dieses Unsichtbare sichtbar zu machen.
Historisch hatte Kunst dabei auch eine übersetzende Funktion. Viele Menschen konnten nicht lesen, also waren es die Bilder, die gedeutet oder gewissermassen «gelesen» wurden. Kunst spielte deshalb eine wichtige Rolle bei der Vermittlung theologischer Vorstellungen.
Jiří Dvořáček (JD): Das Spannende ist für mich die Wechselwirkung zwischen Texten und Bildern. Biblische Texte haben nicht nur literarisch weitergewirkt, sondern auch Kunstwerke hervorgebracht. Gleichzeitig prägen diese Kunstwerke wiederum die Art und Weise, wie wir die Texte lesen. Wenn wir heute einen solchen Text lesen, haben wir die Bilder, die im Laufe der Kunstgeschichte entstanden sind, bereits im Hinterkopf. Mit und durch diese Bilder lesen wir wiederum die Texte.
Das lässt sich am besten gemeinsam betrachten. Ich kann etwas zum Text, zum historischen Kontext oder zu den theologischen Vorstellungen einer Zeit sagen und dazu, wie diese möglicherweise ein Werk geprägt haben. Im Dialog bereichern sich die Perspektiven gegenseitig.
Gibt es unter den ausgewählten Werken eines, das Sie persönlich besonders fasziniert?
SS: Für mich wäre es Caspar David Friedrichs «Kreidefelsen auf Rügen». Dieses Bild zieht meinen Blick immer wieder an. Es führt den Blick in das Bild hinein und gleichzeitig wieder hinaus, fast so, als würde man durch das Bild hindurchschauen. Es ist ein Bild, das mich sehr berührt.
JD: Ich fand das Bild von Luzifer besonders spannend, weil sich daran gut zeigen lässt, welche Bilder und Bildtraditionen hinter einem Werk stehen. Diese haben nicht nur eine kunsthistorische, sondern auch eine theologische Geschichte. Und seien wir ehrlich: Luzifer ist immer eine spannende Figur, über die man reden kann.

Johann Heinrich Füssli
Der Messias triumphiert über den in die Hölle stürzenden Satan, 1802.
Kunst Museum Winterthur, Dauerleihgabe aus Privatbesitz (2016).
Wie verhält sich dieser Zugang zur reformierten Tradition, die Bildern gegenüber historisch sehr kritisch war?
JD: Wir sind beide reformierte Theologinnen und Theologen. Die reformierte Kirche hat vor rund 500 Jahren zunächst einmal alle Bilder aus dem Kirchenraum entfernt. Dahinter steht das Gebot: «Du sollst dir kein Bildnis machen», insbesondere mit Blick darauf, dass Bilder nicht angebetet werden sollen.
In den vergangenen Jahrzehnten hat sich dieser sehr kritische Blick verändert. Heute wird anerkannt, dass Bilder Teil der Wirkungsgeschichte biblischer Texte sind und damit auch für uns eine Relevanz und Bedeutung haben.
SS: Gleichzeitig bestätigt mich gerade eine ausgemalte Kirche auch darin, weshalb ich es sinnvoll finde, dass Bilder im reformierten Kirchenraum keine solche permanente Präsenz haben. Eine Ausmalung zementiert eine bestimmte Sichtweise. Da hat vor knapp hundert Jahren ein Mann seine Interpretation festgehalten, und diese bleibt nun bestehen. Man betritt den Raum und kann sich diesem Blick kaum entziehen.
Die Auseinandersetzung mit Kunst im Museum ist für mich etwas anderes. Die Bilder sind aufgehängt, aber man kann sie auch wieder abhängen. Ich kann weitergehen, ein anderes Bild betrachten oder Bildern aus einer ganz anderen Zeit begegnen. Die Begegnung bleibt dadurch vorübergehend, eine Momentaufnahme. In dieser Form finde ich es auch aus reformierter Perspektive interessant, sich mit Bildern auseinanderzusetzen.
Warum ist es gerade heute spannend, Kunst noch einmal aus diesem Blickwinkel zu betrachten?
SS: Ich glaube eigentlich, dass es immer spannend ist, so auf Kunst zu schauen. Vielleicht ist dieser Blick heute aber besonders interessant, weil der religiöse Blick auf Kunst nicht mehr selbstverständlich oder zumindest deutlich weniger präsent ist als früher. Viele religiöse Bezüge in historischen Bildern werden heute vermutlich nicht mehr unmittelbar erkannt oder gelesen.
JD: Eine unserer Aufgaben in der Kirche besteht darin, biblische Texte, die 2500 oder 3000 Jahre alt sind, mit der Realität von heute zu verbinden. Das können wir natürlich auch bei der Betrachtung von Kunstwerken tun. Deshalb werden wir immer wieder Bezüge zur heutigen Welt herstellen.



