Was ist ein Kunstwerk – wie kommt der Künstler zu ihm, oder kommt es zum Künstler, weil es immer schon da ist? Seit seinem Disegno geometrico von 1960, das alle Bilder im Kern enthält, beschäftigt sich Giulio Paolini mit diesen Fragen, mit dem Verhältnis von Künstler und Werk, von Betrachter und Werk, und nicht zuletzt mit dem Sehen als konstitutivem Moment des Bildes. Diese philosophischen Fragen geht Paolini in immer neuen Arbeiten an, die er mit theatralischen Mitteln inszeniert, etwa in der Wandzeichnung oder der Installation. Zentral ist für ihn die Ausstellung, denn sie ist nicht statisch, sondern eine Handlung: hier wird der Ursprung des Kunstwerks zum Schauspiel, in dem Künstler und Betrachter dem Werk begegnen. Giulio Paolini, 1940 in Genua geboren, ist seit 1960 in Turin tätig. 1964 stellte er erstmals in der Galleria La Salita in Rom aus; es war eine denkwürdige Ausstellung, denn sie präsentierte eine Künstlerpersönlichkeit, die auf neue und radikale Weise die Frage nach dem Wie und Warum, dem Sein oder Nichtsein des Kunstwerks formulierte. Seit 1967 nahm Paolini an den Ausstellungen der Arte povera-Künstler teil, doch ging er stets eigene Wege, indem er nicht Energie und Poesie des Materials inszenierte, sondern sich mit seiner Arbeit in eine klassische Tradition stellte, die in Italien besonders lebendig geblieben war. In zahlreichen Museumsausstellungen wurden Paolinis Werke gezeigt, 1981 im Kunstmuseum Luzern, danach umfassend in der Staatsgalerie Stuttgart, in Nantes, Rom, Lyon, Graz und Turin. 1992 zeigte das Kunstmuseum Winterthur eine Retrospektive seiner graphischen Editionen, und in den letzten Jahren wurden drei wichtige frühe Werke für die Sammlung erworben. Nun kehrt Paolini mit einer Ausstellung nach Winterthur zurück, die er eigens für den Erweiterungsbau entworfen hat und die er Esposizione Universale nennt, eine Anspielung auf die allumfassenden Weltausstellungen des 19. Jahrhunderts. Esposizione Universale ist eine transparente Konstruktion, die bereits verschiedene Realisationen erlebt hat: 1992 in Paris, 1997 in der Galleria degli Antichi in Sabbioneta. 2005 ist das Werk in Winterthur Zentrum der Ausstellung, ihr Ausgangs- und Endpunkt, ein Werk im Aufbau oder vielleicht nur ein Fragment eines ehemaligen Werks. Darauf beziehen sich die übrigen Werke der Ausstellung, die darum herum angeordnet sind, als Echo und als Kontext. Ein Fries aus wechselnden Elementen läuft der Oberkante der Säle entlang und umreisst den Bereich der Ausstellung, reflektiert zugleich Esposizione Universale. Diese ist ein Kaleidoskop von Bildern auf der Suche nach ihrer Identität, und so treten neben Werke Paolinis auch solche anderer Künstler aus der Museumssammlung. Hic et nunc findet die Ausstellung statt; Paolini vermeidet daher eine eigentliche Retrospektive und gestaltet einen Rundgang beginnend mit einigen Arbeiten der sechziger Jahre bis hin zu neugeschaffenen Werken, die den Moment ihrer Entstehung thematisieren: Jamais vu, Ultimo modello, Il bello ideale...